Ernährung, die zum Menschen passt
Bei einem Aufenthalt im Lanserhof Sylt spielt Ernährung eine zentrale Rolle im ganzheitlichen Gesundheitskonzept. Wie individuell muss eine zeitgemäße Ernährungsberatung sein, welche Erkenntnisse liefern moderne Diagnostikverfahren und was können Gäste später tatsächlich in ihren Alltag übertragen? Darüber sprachen Kevin Ebener und Ralf Meier von Fitnessnews Germany mit Salla Schmilewski, Ernährungswissenschaftliche Leitung am Lanserhof Sylt. Die Ökotrophologin verfügt über einen M.Sc. in Klinischer Ernährungsmedizin und ist zudem Coach für Sporternährung (DSHS).
„Bei einem Aufenthalt im Gesundheitsressort Lanserhof Sylt geht es nicht einfach darum, „gesund zu essen“, sondern die Ernährung gezielt an den einzelnen Menschen anzupassen. Welche Informationen und Messwerte benötigen Sie, um aus einer allgemeinen Ernährungsempfehlung ein wirklich individuelles Ernährungskonzept zu machen?“
Salla Schmilewski: „Für mich beginnt eine individuelle Ernährungsberatung immer mit einer ausführlichen Ernährungsanamnese. Natürlich schauen wir uns Messwerte an, aber genauso wichtig ist das persönliche Gespräch: Wie ernährt sich der Gast zu Hause? Wie sind seine Essenszeiten und Portionsgrößen? Wie ist die Verteilung der Makronährstoffe? Gibt es Verdauungsbeschwerden, Unverträglichkeiten, Heißhunger oder Energietiefs?“
Genauso interessieren mich die Gewohnheiten hinter der Ernährung. Wie sieht der Alltag aus, wie hoch ist die Motivation für Veränderungen und welche Rolle spielen Stress und psychisches Wohlbefinden? Denn wir können ernährungsphysiologisch die perfekte Empfehlung geben – wenn sie nicht zum Menschen und zu seinem Leben passt, wird sie langfristig wenig bewirken.
Dazu kommen die objektiven Daten wie Körperzusammensetzung aus der BIA-Messung, Laborwerte und unsere Physical-Stoffwechselmessung. All das sind einzelne Puzzleteile, die wir zusammenführen.
Sehr spannend ist auch der Vergleich der Blutwerte zu Beginn und zum Ende der Kur. Wir sehen beispielsweise, wie sich Blutzucker, Triglyceride, Cholesterin oder Entzündungsparameter wie hsCRP verändert haben. Das zeigt uns ganz konkret, wie der Stoffwechsel auf die Zeit hier reagiert hat und gibt uns wichtige Hinweise darauf, wo wir die Ernährung zu Hause noch gezielter optimieren können.“
„Bei der Ernährungsberatung werden zahlreiche Werte erhoben und grafisch ausgewertet. Was genau wird dabei untersucht, welche Parameter sind für Sie besonders aussagekräftig und was können Sie daraus über Stoffwechsel, Verdauung und Ernährungsbedarf eines Menschen ableiten?“
Salla Schmilewski: „Wir haben den großen Vorteil, dass wir sehr unterschiedliche Daten zusammenbringen können. Wir schauen uns zum Beispiel die Körperzusammensetzung an und nutzen die Physical-Stoffwechselmessung, um einen genaueren Einblick in den individuellen Stoffwechsel zu bekommen. Dies ist eine Atemgasanalyse (Spirometrie), die über das Verhältnis von Sauerstoff und Kohlendioxid in der Ausatemluft ermittelt, ob der Körper seine Energie primär aus Fett oder Kohlenhydraten gewinnt, wie hoch der Kalorien-Grundumsatz sowie die Sauerstoffverwertung sind und ob eine respiratorische Säurelast vorliegt.
Wenn Verdauungsbeschwerden oder Unverträglichkeiten eine Rolle spielen, können zusätzlich Stuhluntersuchungen, Intoleranztests oder Atemgasanalysen auf Laktose, Fruktose oder SIBO veranlasst werden. Dadurch können wir Beschwerden gezielter einordnen und die Ernährung entsprechend anpassen.
Wichtig ist dabei: Keine dieser Untersuchungen liefert für sich allein die Antwort. Es sind viele einzelne Puzzleteile, die wir in der Beratung zusammenführen – und daraus entsteht am Ende die individuelle Empfehlung für den Gast.“„Ein zentraler Bestandteil der Lanserhof Energy Cuisine ist die Entlastung und Regeneration des Verdauungssystems. Welche Rolle spielen dabei nicht nur die Auswahl der Lebensmittel, sondern auch Essenszeiten, Portionsgrößen und das intensive Kauen? Und wie groß ist deren Einfluss in der Praxis einzuordnen?“
Salla Schmilewski: „Wir beschäftigen uns heute sehr viel damit, was wir essen, und manchmal zu wenig damit, wie wir essen. Gerade während der Kur möchten wir das Verdauungssystem entlasten. Da spielt natürlich die Lebensmittelauswahl eine wichtige Rolle, aber eben auch Portionsgrößen, Essenszeiten und vor allem das intensive Kauen.
Verdauung beginnt bereits im Mund. Durch gründliches Kauen wird die Nahrung besser vorbereitet, wir essen langsamer und nehmen auch unser Sättigungsgefühl bewusster wahr.
Genauso wichtig sind Pausen zwischen den Mahlzeiten. Wenn wir ständig snacken, ist unser Verdauungssystem permanent beschäftigt. Das sind eigentlich sehr einfache Veränderungen, aber wir erleben in der Praxis, dass gerade diese Basics einen großen Unterschied machen können – und sie lassen sich später sehr gut in den Alltag integrieren.
Allein das achtsamere, langsame Essen hilft den meisten Gästen, sich besser zu fühlen und Verdauungsbeschwerden deutlich zu mindern.“
„Blutzucker, Darmmikrobiom, Körperzusammensetzung und individuelle Reaktionen auf Lebensmittel können sich von Mensch zu Mensch deutlich unterscheiden. Wie führen Sie solche unterschiedlichen Daten zusammen und wie entscheiden Sie daraus beispielsweise, welche Kohlenhydrate, Eiweißquellen oder Fette für einen Gast besonders geeignet sind?“
Salla Schmilewski: „Ich sehe die verschiedenen Untersuchungen wirklich wie einzelne Puzzleteile. Wir versuchen nicht, aus einem einzelnen Wert direkt eine Ernährung abzuleiten, sondern schauen immer, welches Gesamtbild entsteht.
Bei vielen Gästen, bei denen wir es für sinnvoll halten, nutzen wir zum Beispiel ein kontinuierliches Glukosemonitoring. Das ist besonders spannend, weil wir den Blutzuckerverlauf zunächst während der Kur unter relativ kontrollierten Bedingungen beobachten können. Der Gast kann das Monitoring anschließend zu Hause in seinem normalen Alltag fortführen. So sehen wir sehr individuell, wie der Blutzucker beispielsweise auf bestimmte Mahlzeiten, Lebensmittel oder auch unterschiedliche Tageszeiten reagiert.
Diese Informationen führen wir mit der Körperzusammensetzung, der Stoffwechselmessung, den Laborwerten und gegebenenfalls Informationen zur Darmgesundheit zusammen. Daraus können wir gezielter ableiten, welche Kohlenhydratquellen und Mengen, aber auch welche Eiweiß- und Fettquellen für den einzelnen Gast sinnvoll sind.
Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Lebensmittel zu verbieten, sondern eine Ernährung zu finden, die den Stoffwechsel unterstützt, gut vertragen wird und langfristig zum Alltag des Gastes passt.“
„Der Aufenthalt auf Sylt ist zeitlich begrenzt. Entscheidend ist deshalb, was die Gäste anschließend zu Hause umsetzen können. Welche Erkenntnisse aus Diagnostik und Ernährungsberatung sollten sie unbedingt mitnehmen, und welche drei Veränderungen haben erfahrungsgemäß den größten langfristigen Effekt auf ihre Ernährung?“
Salla Schmilewski: „Für mich ist das Wichtigste, dass ein Gast nach der Kur seinen eigenen Körper besser versteht. Durch die Untersuchungen und beispielsweise auch den Vergleich der Blutwerte können wir sehr konkret zeigen, was sich während des Aufenthalts verändert hat und wo der Gast zu Hause ansetzen kann.
Wenn ich drei Dinge nennen müsste, wären es erstens: möglichst natürliche, wenig verarbeitete Lebensmittel und eine gute Lebensmittelqualität. Zweitens: bewusster essen – langsam, gut kauen und echte Pausen zwischen den Mahlzeiten einhalten. Und drittens: eine gute Struktur auf dem Teller – viel Gemüse und pflanzliche Vielfalt, eine passende Eiweißquelle, hochwertige Fette und individuell geeignete Kohlenhydrate.
Am Ende bringt der perfekteste Ernährungsplan nichts, wenn er nicht zum Alltag des Gastes passt. Deshalb schauen wir auch auf Gewohnheiten und Motivation: Was möchte und kann der Gast tatsächlich verändern? Lieber wenige Veränderungen, die langfristig funktionieren, als zehn Regeln, die nach zwei Wochen wieder verschwinden.“




