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Was unterscheidet hartes Training von echter Performance? Im Interview mit Björn Schinke von STRONGMOVE geht es um Bewegungsqualität, neurologische Stabilität, HYROX, Laufökonomie und die Frage, warum mehr Training nicht automatisch mehr Leistung bedeutet.
FNG: „Björn, du bist Sportwissenschaftler, hast mit Olympioniken gearbeitet, warst unter anderem Athletikcoach des berühmten Deutschlandachters und bist heute mit STRONGMOVE stark im HYROX- und Performance-Coaching sichtbar. Wie beschreibst du deinen eigenen Coaching-Ansatz?“
Björn Schinke: „Mein Ansatz ist im Kern neurologisch und bewegungswissenschaftlich fundiert. Ich schaue nicht zuerst auf Gewichte, Zeiten oder Volumina – ich schaue auf den Menschen dahinter. Wie nimmt sein Nervensystem Informationen auf? Wie verarbeitet sein Gehirn diese Signale? Und wie setzt sich das in Bewegung um?“
Unser visuelles System liefert etwa 45 Prozent des sensorischen Inputs, das Gleichgewichtsorgan rund 35 Prozent, die Propriozeption etwa 20 Prozent. Wenn in einem dieser Systeme Defizite vorliegen – in der Aufnahme oder in der Verarbeitung – ist der sportliche Output zwangsläufig limitiert. Genau dort setze ich an. Mit Sportwissenschaft, mit Erfahrung aus dem Hochleistungssport – und mit dem Anspruch, dass jede Lösung individuell und umsetzbar sein muss.“
FNG: „Bei STRONGMOVE steht die Idee im Mittelpunkt, dass nur eine gute Bewegung auch eine starke Bewegung werden kann. Was bedeutet das konkret, wenn Athleten nicht nur fit, sondern wirklich leistungsfähig werden wollen?“
Björn Schinke: „Eine Bewegung ist gut, wenn man nichts mehr weglassen kann. Wenn sie so ökonomisch ausgeführt wird, dass es schlicht nicht besser geht. Erst dann hat es Sinn, Intensität oder Last daraufzulegen.
Was viele übersehen: Bewegungsqualität ist keine ästhetische Kategorie – sie ist eine energetische. Eine ineffiziente Bewegung kostet mehr Kraft, mehr Sauerstoff, mehr Zeit. Multipliziert man das über einen HYROX-Wettkampf oder eine Sportsaison, entscheidet genau das über Leistung und Verletzungsrisiko. Stärke ohne Qualität ist teuer erkaufter Fortschritt – und meist nicht nachhaltig.“
FNG: „HYROX wird von Außenstehenden oft vor allem als harter Wettkampf wahrgenommen. Du schaust dagegen auf Feinheiten, die Laien kaum erkennen: Bewegung, Effizienz, Belastungssteuerung und individuelle Voraussetzungen. Genau dort entscheidet sich häufig, ob ein Athlet sein Potenzial wirklich ausschöpft oder unterwegs wertvolle Sekunden liegen lässt. Wo verlieren ambitionierte Athleten deiner Erfahrung nach die meiste Leistung?“
Björn Schinke: „Überall dort, wo der Körper gegen sich selbst arbeitet. Das ist keine Metapher – das ist Physik.
Konkret sehe ich die größten Verluste in drei Bereichen: Erstens in der Ski-Erg- und Rudertechnik, wo falsche Bewegungsmuster systematisch Kraft vernichten. Zweitens in der Laufökonomie – viele Athleten laufen schlicht zu teuer, zu viel Energie für zu wenig Vortrieb. Und drittens in strukturellen Einschränkungen der Beweglichkeit. Wer beim Wallball gegen interne Widerstände im eigenen Körper ankämpft, weil Hüfte oder Brustwirbelsäule nicht frei sind, macht dieselbe Bewegung mit deutlich mehr Aufwand. Das summiert sich über einen Wettkampf zu Minuten – nicht Sekunden.“
FNG: „Viele Sportler glauben, sie müssten einfach mehr trainieren, um besser zu werden. Wo liegt aus deiner Sicht der größte Denkfehler bei diesem Ansatz?“
Björn Schinke: „Der Denkfehler ist, dass Trainingsreiz gleich Trainingsanpassung ist. Das stimmt nicht.
Anpassung entsteht in der Erholung – nicht im Training selbst. Wer mehr trainiert als sein System verarbeiten kann, verhindert den Superkompensationseffekt. Im besten Fall stagniert er. Im schlechteren Fall landet er im Übertraining. Im schlimmsten Fall entwickelt sich ein RED-S-Syndrom – relatives Energiedefizit im Sport – mit ernsthaften gesundheitlichen Konsequenzen.
Es ist immer zuerst plausibel, mehr zu tun. Aber Plausibilität ist kein Qualitätsmerkmal. Die bessere Frage ist nicht „wie viel mehr?“ sondern „was genau, wann, mit welcher Erholung?“
FNG: „Du arbeitest mit Profisportlern, Olympioniken, HYROX-Athleten, aber auch mit ambitionierten Fitnesssportlern. Was unterscheidet echte High Performer von Menschen, die einfach nur hart trainieren?“
Björn Schinke: „High Performer stellen sich bessere Fragen. Nicht „wie viel mehr kann ich machen?“ sondern „wie kann ich das, was ich tue, besser machen – und was kann ich weglassen?“
Das ist ein fundamentaler Unterschied in der Denkweise. Dazu kommt die Ganzheitlichkeit: Wer wirklich auf höchstem Niveau performt, steuert nicht nur sein Training, sondern auch Schlaf, Herzfrequenzvariabilität, Ernährung und Lebensstil bewusst und trainingsbegleitend. Er versteht, dass Leistung das Ergebnis eines Systems ist – nicht einer einzelnen Variable.
Fleißige Athleten optimieren eine Schraube. High Performer optimieren das ganze System.“
FNG: „Ein besonders sichtbares Beispiel deiner Arbeit ist Linda Meier, die du 2025 zur HYROX-Profi-Weltmeisterin im Elite Wave geführt hast. Was war aus deiner Sicht der entscheidende Faktor auf diesem Weg, die körperliche Entwicklung, die mentale Reife, das Vertrauen in den Plan oder etwas ganz anderes?“
Björn Schinke: „Es war die Kombination aus Bewegungsökonomie und neurologischer Stabilität – und Lindas Bereitschaft, an Dingen zu arbeiten, die auf den ersten Blick nicht trainingsrelevant wirken.
Wir haben intensiv an ihrer Rudertechnik und Laufökonomie gearbeitet. Parallel dazu haben wir gezielt das vestibuläre System trainiert – das Gleichgewichtsorgan – um dem Gehirn mehr Sicherheit zu geben. Mehr Sicherheit im Nervensystem bedeutet mehr reflexive Stabilität. Mehr reflexive Stabilität bedeutet mehr übertragbare Kraft und effizienteren Vortrieb.
Den vielleicht eindrücklichsten Moment erlebten wir kurz vor einem Wettkampf. Linda hatte sich warm gelaufen – fühlte sich gut, war bereit. Dann machte sie ihre spezifische Gleichgewichtsübung, die wir für sie entwickelt hatten. Danach lief sie wieder an – und schaute mich mit großen Augen an. Ihr Laufstil hatte sich spürbar verändert. Leichter. Effizienter. Stabiler. Nicht weil sie stärker geworden war in diesem Moment – sondern weil ihr Gleichgewichtsorgan aktiviert war und das Gehirn dadurch reflexive Stabilität abrufen konnte, die vorher schlicht nicht zur Verfügung stand.
Das ist der Kern von neurozentriertem Training. Ähnlich dem Butterfly-Effekt versuche ich mit kleinen, gezielten Eingriffen große Wirkungen zu erzielen – dort, wo die wenigsten suchen.“
FNG: „Wenn du einem ambitionierten HYROX- oder Fitnessathleten nur einen einzigen Rat geben dürftest, um langfristig stärker, belastbarer und erfolgreicher zu werden, welcher wäre das?“
Björn Schinke: „Realistische Selbstbetrachtung.
Ein wirklich mündiger Athlet hat ein klares, ehrliches und ganzheitliches Bild von sich selbst – in allen relevanten Bereichen: Training, Erholung, Ernährung, Lebensstil, Mindset, Gesundheitsmanagement. Er weiß, wo er steht. Er weiß, wo die Lücken sind. Und er stellt sich kontinuierlich die Frage, in welchem Bereich noch Potenzial liegt.
Das klingt einfach. Es ist es nicht. Die meisten Menschen sehen entweder zu wenig oder zu viel. Wer sich selbst klar sieht, kann gezielt handeln. Und gezieltes Handeln schlägt auf lange Sicht immer bloßen Fleiß.“
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