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Was wäre, wenn es natürliche Substanzen gäbe, die Entzündungen bekämpfen, Krankheiten vorbeugen und sogar Krebszellen das Fürchten lehren? Zu schön, um wahr zu sein? Nein, es gibt sie. Und sie werden bei jedem Training im Muskel gebildet: Myokine.

Die Bedeutung der Muskulatur wurde unterschätzt

Lange Zeit herrschte Übereinstimmung darin, dass ein arbeitender Muskel lediglich seine wahrnehmbare Funktion – die Kontraktion – zu erledigen und ansonsten bestenfalls noch eine kosmetische Wirkung habe.  Mittlerweile weiß man, dass man die Bedeutung der Muskulatur mit dieser Einschätzung geradezu sträflich unterschätzt hat. Tatsächlich ist es noch keine 15 Jahre her, dass man eine Gruppe hormonähnlicher Substanzen, sogenannte Myokine, entdeckte, die während des Trainings im Muskel gebildet werden und Einfluss auf eine Vielzahl chemischer Vorgänge im Organismus nehmen können. Hunderte von Myokinen in unserem Körper regulieren und stimulieren die Durchblutung von lebensnotwendigen Organen und Abwehrmechanismen des Immunsystems. Doch wie tritt ein Muskel mit anderen Organsystemen in Kontakt und warum haben Myokine eine Bedeutung für die Gesundheit?

Entdeckung dänischer Forscherin und ihres Teams

Im Jahr 2007 untersuchten Bente Klarlund Pedersen, Professorin und Direktorin des „Centre of Inflammation and Metabolism“ am Rigshospitalet der Universität Kopenhagen, und ihr Team den Einfluss von Sport auf das Immunsystem. Im Anschluss an die Trainingseinheiten fand sich in den untersuchten Blutproben eine deutlich erhöhte Konzentration an Interleukin 6 (IL-6). Eine Substanz, die bei Entzündungen im Körper regulierend wirkt. Die eigentliche Überraschung war allerdings etwas anderes. Die mehr als 30 bekannten Interleukine werden von Zellen des Immunsystems, z. B. den T-Helferzellen, gebildet. Das nach dem Training in den untersuchten Blutproben nachgewiesene Peptidhormon stammte dagegen direkt aus den geforderten Muskeln. Eine sensationelle Entdeckung. Es zeigte sich, dass eine trainierte Muskulatur über diese Botenstoffe im direkten Kontakt mit anderen Körpersystemen steht und diese beeinflusst. Und zwar positiv.1

Weitere Infrastruktur neben dem Nervensystem

Vor etwa 120 Jahren ging man noch davon aus, dass Informationsübertragungen im Körper lediglich über das Nervensystem erfolgen können. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand man heraus, dass der Organismus durchaus über weitere Kommunikationskanäle verfügt. Englische Physiologen durchtrennten damals die Nervenversorgung einer Bauchspeicheldrüse. Wäre die Theorie zur Reizübertragung tatsächlich richtig gewesen, hätte die Bauchspeicheldrüse sofort ihre Funktion einstellen müssen. Das tat sie jedoch nicht. Sobald Mageninhalt in den Darm abgeben wurde, machte sie das, was eine Bauchspeicheldrüse zu tun hat. Sie produzierte Verdauungsenzyme. Es musste also eine weitere Infrastruktur neben dem Nervensystem geben. Erst später fand man heraus, dass für das Funktionieren der Bauchspeicheldrüse ein Sekret verantwortlich ist, dass von der Dünndarmschleimhaut abgesondert wird. Mit der Zeit zeigte es sich, dass es unterschiedliche Produktionsstätten, u.a.  die Nebennieren sowie die Schild- und die Hirnanhangdrüse, für derartige biochemische Botenstoffe gibt. Diese Substanzklasse nannte man Hormone.

Unterklasse der Interleukine

Die nicht von den Immunzellen, sondern direkt in der Muskulatur gebildeten Botenstoffe wurden von ihrer Entdeckerin Bente Klarlund Pedersen Myokine genannt, denn es blieb nicht bei einem Botenstoff. Die Liste der Wirkungen, die ihnen zugeschriebenen wird, muss seit 2007 kontinuierlich erweitert werden. Bislang ist es gelungen, hunderten Myokinen nachzuweisen. Einige wirken im Muskel selbst, andere an teils weit entfernten Organen. Myokine sind zwar selbst keine Hormone, allerdings entfalten sie eine hormonähnliche Wirkung.

Die gesundheitlichen Aspekte des Muskeltrainings

Betrachtet man die gesundheitlichen Aspekte des Muskeltrainings, kommt den Myokinen eine besondere Rolle zu. Sie werden vom Muskel in die Blutbahn abgegeben und übertragen Informationen an andere Organsysteme, die präventiv und sogar heilend wirken können. Eine positive Wirkung bei Diabetes Typ 2, auf das Herzkreislauf-System und sogar bei einigen Krebsarten ist mittlerweile bekannt. Dafür soll bereits ein zweimaliges überschwelliges Training der Muskulatur in der Woche ausreichen. Positiv wirkt sich der regelmäßige Gang ins Sportstudio nach bisherigem Kenntnisstand vor allem auf Leber und Bauchspeicheldrüse sowie Knochen, Fettgewebe, Knochen, Blutgefäße und sogar das Gehirn aus. Myokine sind also Botenstoffe, die der Körper vermehrt bei intensiven Muskelbeanspruchungen ausschüttet, wobei diese u.a. für die Verjüngung der Immunabwehr verantwortlich sind. Aber wie gesagt, das Wissen über Myokine steht noch am Anfang. Weitere interessante Beobachtungen sind zu erwarten.

Quellen:

  1. http://www.inflammation-metabolism.dk/

Bild: shutterstock_651522901